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Joachim Specht (bei wikipedia)

Capricorn

Capricorn - der Steinbock. Menschen, die unter diesem Zeichen geboren werden, vereinen oft die gegenteiligsten Eigenschaften in ihren Charakteren. Unruhe, Fernweh, aber auch Festigkeit, Stärke und Abenteuerlust. Joachim Specht ist ein beredtes Beispiel dafür. Seine australischen Aufbruchsjahre in der Mitte des 20. Jahrhunderts haben ihn zum unmittelbaren Zeitzeugen bei der endgültigen Geburt des fünften Kontinents werden lassen. Seine Berichte, Erzählungen sind Legenden, Zeugnisse geworden, die denen eines Jack London oder Melville in nichts nachstehen.

 

Leseprobe

Begegnung

Durchfahrt verboten! Das klingt eindeutig und muntert mich wenig auf. Die Hauptverkehrsstraße nach Victoria River Downs über Coolibah und Fitzroy ist hundertdreiundneunzig Meilen lang. So weit reicht mein Sprit nicht mehr, und wenn eine der beiden Zwischenstationen verlassen ist, kann ich zu Fuß durch den Busch marschieren. Der andere Weg ist zwar nur ein Zweirillenpfad, dafür aber dreiundsiebzig Meilen kürzer und führt über Delamere. Den habe ich eingeplant, doch das Schild, das quer unter dem Richtungsweiser hängt, befiehlt klar und verständlich: Durchfahrt verboten! Was tun? Umkehren? Susann würde sich freuen, und meine Existenz wäre gesichert. Noch heute morgen hatte sie mich mit entsetzter Miene gefragt: "Was willst du in Victoria River Downs?", als sie merkte, dass ich damit Ernst machte, die kleine Stadt Katherine zu verlassen. Susann war etwa vierzig Jahre alt, schlank, schwarzhaarig, mit vollem Busen und hatte ein albernes Lachen an sich, das ich nicht leiden konnte. Trotzdem bin ich drei Tage dort geblieben, nicht nur, weil ihr Mann, der sechzigjährige Fotograf George King, ins Land gefahren war, sondern weil mein Jeep einen schweren Federbruch hatte und ich bauen musste, und das im Januar bei neununddreißig Grad Celsius. So kam sie mir sehr gelegen, ich baute und schwitzte, ließ mich von Susann verpflegen und war zufrieden, denn sie führte eine ausgezeichnete Küche und besaß noch andere gute Eigenschaften.
Der Schmied, bei dem ich die Feder flickte, er trug den klangvollen Namen Eduard Teachenbrother, stellte sich als Sohn einer deutschen Mutter vor. Er radebrechte in herrlichstem Sächsisch und freute sich, jemand gefunden zu haben, der sein Kauderwelsch verstand. Von ihm erhielt ich auch den Tipp und die Adresse in Victoria River Downs, wo sein Bruder William einen größeren Maschinenshop betrieb und dauernd Fachkräfte suchte, die ihm angeblich immer wieder wegliefen.
Heute morgen briet mir Susann die letzten Spiegeleier mit Schinken. "Warum willst du weg?", versuchte sie es noch einmal. "Du kannst hier jederzeit bei der Eisenbahn anfangen. Mein Bruder ist Chefclerk im Lok-Office, der bringt dich bestimmt unter."
Ich musste mich mächtig zusammenreißen, um der Verlockung zu widerstehen. Als Abschiedsgeschenk legte sie mir einen Kleinbildfilm in die Kamera, zerdrückte ein Träne, die der heiße Nordwind sofort aufsaugte, und rief mir ein letztes "Cheerio!" zu.
Bis Manbulloo waren es sieben Meilen, und die Straße war gut, das heißt, ich konnte während der Fahrt pfeifen und singen, ohne Gefahr zu laufen, dass ich mir die Zunge abbiss. Die nächste Strecke aber hatte es in sich, kurz vor Willeroo gab es einen großen Knall; den geplatzten Reifen schmiss ich weg, damit war nichts mehr anzufangen. Vorsichtshalber ließ ich aus allen Schläuchen etwas Luft ab. Dreimal ging das gut. Beim vierten klemmte das Ventil, und ich durfte pumpen. Willeroo war wie ausgestorben, die Rinderstation geschlossen; nur im Camp hockten einige scheue Eingeborene vor den Baracken und verzogen sich schnell, als ich anhielt. Was blieb mir anderes übrig, als den Reservetank umzufüllen. Das einzige, was ich fand, war Wasser, sogar recht klares. Es musste lange niemand geschöpft haben. Und nun stehe ich vor dem verdammten Wegweiser, und das Schild: Durchfahrt verboten! grinst mich immer noch an. Zum Teufel mit den Verboten, ich habe eine Empfehlung, wenn auch mündlich, von einem deutsch sprechenden Australier und muss weiter. Rechts oder links? Wenn ich nun das Schild nicht gesehen habe, das kann doch möglich sein - oder ich habe die Schrift nicht verstanden? Nein, das geht nicht, dazu bin ich schon zu lange im Lande. Frechheit siegt, ich fahre! Heulend zieht der Jeep durch den feinen Mahlsand, beiderseits des Weges nur Trockenbusch und Gras, undurchdringbar. Das Terrain ist hügelig, später wird es ganz flach und bleibt dennoch unübersichtlich. Die Hitze lässt jegliches Grün verdorren; mir ist´s, als fahre ich durch eine verwahrloste gelbe Schonung.
Wenn bloß der verdammte Nordwind nachließe; er wirbelt den Staub mit kreiselnden Bewegungen hoch, bis eine Windhose entsteht, die dann als dunkler Fahnenschweif über die Steppe zieht. Vor mir taucht Wellblech auf, das ist Delamere, und meine Straße führt geradewegs drauf zu.
Die Viehkrale stehen offen, wie zum Hohn schwingt der Wind die losen Holzgatter auf und zu. Das Knarren dringt bis zu mir her und stimmt mich nicht froher: Kein Mensch da, kein Benzin in den Tank. Verflucht! In Gedanken verwünsche ich meine Fahrerei. Hätte ich nur Susanns Bitten nachgegeben ...
Zum Teufel mit den Selbstvorwürfen, ich muss weiter. Bis Victoria River Downs sind es vielleicht noch fünfzig Meilen, hoffentlich wird der Weg besser, die letzte Strecke hat verdammt viel Sprit gefressen. Hinter Delamere steht wieder ein Schild. Es ist schlecht gemalt, und mühsam entziffere ich: Keine Durchfahrt! Straßenbau! Das fehlt mir gerade noch. Wäre ich bloß in Katherine geblieben, dort gibt es Eisenbahnlinie und Stuart Highway, Telefonverbindungen und Reparaturwerkstätten, Tankstellen und Hotels, sogar nette Frauen; und ich Idiot fahre nach Victoria River Downs, im Hochsommer, habe zu wenig Sprit, dafür eine mündliche Empfehlung, die meinen Tank auch nicht auffüllt. Doch was hilft das? Zurück geht es erst recht nicht.
Wieder beginnen die Sandrillen, in der Mitte Grasnarbe, und manchmal muss ich scharf aufpassen, um den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Die Rillen sind stellenweise überwachsen; Felsbrocken liegen mitten im Weg. Der Jeep hopst und schwimmt, die Elektroden der Zündkerzen werden abgeschüttelt, und ich bin laufend am Basteln. Mit Tempo ist da nichts zu machen, ich muss runterschalten und langsam fahren. Wie lange wird der Sprit noch reichen? Ich sitze wie auf glühenden Kohlen, mein Hemd klebt am Rücken und in den Augen brennt der Schweiß.
Vor mir nähert sich eine gewaltige Staubwolke, Rinder oder Schafe, am besten, ich lenke den Wagen links in den Busch und warte ab.
Plötzlich stockt mir der Atem. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen, werde auf einmal ganz schwindelig und spüre auch nicht mehr das Knirschen des Sandes zwischen meinen Zähnen. Das gibt es doch gar nicht! Das kann es ... das darf es doch nicht geben. Narrt mich ein Traum oder sehe ich Hirngespinste. Aus dem Staub löst sich ein Reiter, der schwerfällig in der rechten Sandrille entlang trabt, quer über den Sattel liegt sein Gewehr. Der Mann trägt einen großen Filzhut mit breitem Rand, er hat die Ärmel hoch gekrempelt und schielt misstrauisch zu mir herüber. Dahinter aber - großer Gott - dahinter klirrt und rasselt es: kleine, ausgemergelte, vollkommen nackte Natives, aneinandergeschmiedet. Vom Sattel des Pferdes strafft sich eine dünne Kette zu den gefesselten Handgelenken des ersten Mannes. Der arme Teufel schleppt einen eisernen Halskragen, der mit den Handgelenken des nächsten Mannes verbunden ist. Die Arme weit nach vorn gestreckt, die Köpfe nach hinten gebogen, so trotten die Eingeborenen hinter dem Zugpferd her, und leises Stöhnen klingt durch das Klirren und Rasseln ihrer Ketten. Wie viele sind es? Ich bin nicht fähig sie zu zählen. Was haben sie verbrochen, wo kommen sie her?
Instinktiv greift meine Rechte nach hinten und zieht die Kamera aus dem Gepäck. Im Sucher blicken mir gequälte, von Schweiß glänzende Gesichter entgegen. Sie werden fortgezerrt von den Ketten der Vordermänner, und der nächste Kopf erscheint, reißt seine Augen weit auf, als erwarte er von mir Hilfe, und wird weiter gezogen. Manchmal verschwinden die Gesichter in Staubwolken, die die nackten Füße aufwirbeln, und ich kann kaum noch sehen. Meine Zähne knirschen, und nicht nur vom Sand, als endlich der letzte, ein hagerer Greis, an mir vorüber torkelt.
Dann folgen noch zwei Pferde. Die Aufseher sitzen zusammengekrümmt im Sattel, so als schliefen sie, nur die Gewehre, die sie quer vor sich halten, erinnern an zwielichtige Gestalten aus einem Wildwestfilm. Mich fröstelt, obwohl die Luft in der Mittagssonne zu kochen scheint. Ich lege die Kamera zurück und will weiter fahren, da stellt sich eines der Pferde genau vor meinen Jeep hin. Gelassen steigt der Reiter ab, ein verschwitzter, kräftiger Hüne mit Filzhut und unförmigem gelben Halstuch, das vorne verknotet ist, er zieht meine Kamera wieder zwischen dem Gepäck hervor. Mit tollpatschigen Bewegungen reißt er den Verschluss auf, fingert den Film heraus, lässt ihn von der Sonne belichten und wirft mir Apparat und Film entgegen. Eine heisere Stimme krächzt: "We don´t like any pictures, get it!" Dann besteigt er seinen Klepper und folgt der Kolonne. Ich weiß immer noch nicht, wie mir geschieht und an was ich alles denke, schließlich lebe ich im zwanzigsten Jahrhundert und muss rein zufällig ins achtzehnte hinab gerutscht sein, so was gibt´s ja gar nicht mehr, ich muss geträumt haben.
Die Strecke vor mir ist aufgerissen, Werkzeug und Schotter liegen herum; ich muss fast drei Meilen im Busch fahren, und der Geländegang frisst mein letztes Benzin. Nach einer Stunde Angst und viel Glück erreiche ich endlich Victoria River Downs, wo sich Mr. William Teachenbrother freut, mit mir deutsch sprechen zu können. Später bringt er mich in dem so genannten Hotel, einem kleinen Boarding house, unter, und da ich hier zu bleiben gedenke, erhalte ich abends alkoholische Getränke.
Nach dem dritten Glas Whisky fange ich an zu erzählen. Das hätte ich lieber nicht tun sollen. "He, Johnny", meint Slim Griffith, der Barkeeper und Hotelbesitzer, nachdenklich und klopft an sein Barometer, "wenn ich dir noch was eingieße, wird Australien wieder eine Strafkolonie - aber Gents, der Boy hat recht, wir haben heute einundvierzig Grad Celsius!"
Brüllendes Lachen dröhnt durch den Saloon, und ich sage gar nichts mehr, wozu auch; die Hitze verdrängt jeden vernünftigen Gedanken, und ich bin ein winziges Opfer dieser Glut geworden.
"Johnny", Mr. Teachenbrother zieht mich leicht am Hemd, "Johnny, wirst du morgen früh okay sein?" Er tippt sich mit dem Zeigefinder an die Stirn und grinst über beide Backen
"Ich glaube schon, Sir", antworte ich und drehe mein Whiskyglas um, weil Slim Griffiths Gesicht vor mir zu schwimmen beginnt.
"Weißt du mit einem Montage-Elektroschweißgerät umzugehen?", fragt Mr. Teachenbrother freundlich.
"Natürlich, Sir", erwidere ich lallend. Jeder Farmer hier schweißt mit der Petrolkutsche, tolle Erfindung übrigens!"
"Well, John", sagt Mr. Teachenbrother und scheint zufrieden gestellt, "dann sehe ich dich morgen früh sieben Uhr im Shop, all right? Und Johnny", Mr. Teachenbrothers gutmütiges dickes Gesicht hängt genau vor mir, "vergiss die verrückte Story von den Kettennatives, all right? Als Facharbeiter bist du mir lieber."
"Okay, Sir", antworte ich, "muss geträumt haben, verdammte Hitze!"
"Good boy, John, I see you tomorrow." Slim Griffith zeigt mir mein Zimmer. Es ist sehr dunkel, und die schwache Birne an der Decke erhellt nur mühselig den kleinen Raum, der denselben verwahrlosten Eindruck macht, wie Slim Griffith selbst. Fliegen schwirren um die Birne, und ich bemühe mich, so gut es noch geht, alle Käfer und Insekten, deren ich habhaft werden kann, aus dem Zimmer zu jagen.
Die Decken hier sind allerdings viel zu dick. Ich werde besser meine eigenen aus dem Wagen holen. Junge, Junge, bist du besoffen, denke ich, denn andauernd stoße ich hart gegen alle möglichen Kanten und Ecken. Wenn bloß die verfluchte Hitze weichen würde. Ich habe zwar nur eine Badehose an, glühe aber wie im Fieber und möchte am liebsten meine eigene Haut abstreifen. Morgen rühre ich kein Whiskyglas an, das schwöre ich mir - und fühle im gleichen Augenblick, dass ich den Schwur brechen werde. Durst ist nicht nur ein körperlicher, sondern auch ein psychischer Schmerz. Er kann zermürben.
Als ich mit Hängen und Würgen mein Gepäck im Zimmer habe und die Decke entrolle, raschelt mir etwas vor die Füße. Mein benebeltes Hirn versucht zu denken und lichtet sich plötzlich.
Da liegt matt glänzend ein dunkles Band, der Film, den Susann mir heute früh schenkte. Ich hebe ihn auf, lasse ihn durch die Finger gleiten und weiß auf einmal, dass ich nicht geträumt habe.

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